Zusammenfassung:David Biesinger war während der Gelbhaar-Affäre der Chefredakteur des RBB.picture alliance/dpa | Jen
David Biesinger war während der Gelbhaar-Affäre der Chefredakteur des RBB.
Im Untersuchungsbericht von Deloitte zur Gelbhaar-Affäre wird der ehemalige RBB-Chefredakteur Biesinger scharf kritisiert.
Biesinger habe sich mit der brisanten Recherche kaum befasst, heißt es im Bericht. Und als die Probleme ans Licht kamen, stellte er die betroffene Redakteurin öffentlich bloß.
Die Berichterstattung über die falschen Missbrauchsvorwürfe gegen Gelbhaar führte zu einem Imageverlust für den Sender.
Er war über die brisante Recherche nur „rudimentär informiert, delegierte die Verantwortung von sich und stellte obendrein noch seine eigene Mitarbeiterin bloß: Der Untersuchungsbericht des RBB ist eine Abrechnung mit dem ehemaligen Chefredakteur David Biesinger.
Unter der Leitung des 51-Jährigen hatte die ARD-Anstalt über angebliche Missbrauchsvorwürfe gegen den Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar berichtet, die sich später als falsch herausstellten. Der RBB hatte sich in der Berichterstattung lediglich auf die Aussagen einer einzelnen Zeugin „Anne K.“ gestützt. Dass es „Anne K.” gar nicht gab, fiel dem RBB nicht auf, denn ihre Identität wurde nicht ausreichend überprüft.
Der RBB beschädigte durch seine fehlerhafte Berichterstattung die Karriere des Politikers, der jetzt sogar Schadensersatz vom Sender in Höhe von 1,7 Millionen Euro fordert. Der RBB selbst erlitt einen herben Imageverlust. Um zu untersuchen, wie es zu diesem folgenreichen journalistischen Fehler kommen konnte, wurde die Beratungsagentur Deloitte beauftragt. Jetzt liegt eine Zusammenfassung des Abschlussberichts vor – und es sieht nicht gut aus für den ehemaligen Chefredakteur David Biesinger.
Biesinger habe sich mit brisanter Recherche kaum befasst
„Trotz der Tragweite eines solchen MeToo-Falles ließ sich der Chefredakteur lediglich rudimentär über die Recherche und das Zustandekommen der Berichterstattung informieren“, heißt es in dem Bericht, den der RBB am Mittwoch veröffentlichte. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Recherche durch Biesinger „fand nicht statt”.
Sein Verhalten begründete der Chefredakteur mit dem Prinzip der „delegierten Verantwortung“, welches im Bericht für weitere Kritik sorgte. „Dieses Organisationsmodell lässt offen, wie der Chefredakteur seiner Aufgabe und Verantwortung nachkommt, für die Einhaltung der journalistischen Standards zu sorgen. Darüber hinaus ist nicht erkennbar, welche Sorgfalt und Prüfung er beim Delegieren der Aufgaben anwendet.”
Deloitte nimmt Biesingers Ausrede auseinander
Am 19. Januar 2025 äußerte sich Biesinger erstmals zu dem Verdacht, dass „Anne K.“ gar keine echte Person sein. Zuvor berichtete der Tagesspiegel. „Laut Chefredakteur [Biesinger, Anm. d. Red.] hätten betrügerische Absicht und kriminelle Energie, mit der unter großem Aufwand eine falsche Identität vorgespiegelt worden sei, zur Entstehung des Fehlers beigetragen”, heißt es im Bericht. Doch Deloitte nimmt diese Argumentation auseinander.
„Dass die Quelle kriminelle Energie aufwendete, steht außer Zweifel. Aber das Täuschen über eine Identität durch bloße Nennung eines falschen Namens am Telefon, stellt aus unserer Sicht eine einfache Täuschungshandlung ohne großen Aufwand dar. Dabei handelt es sich nicht um eine planvolle, mit hoher Kriminalität versehene, Verschleierung einer Identität.“ Deswegen gebe die „relativierende Aussage” von Biesinger „den Sachverhalt nicht korrekt wieder.
Betroffene Redakteurin von Biesinger vorveruteilt und bloßgestellt
Als sich langsam herausstellte, dass der RBB mit seiner Berichterstattung gegen Gelbhaar deutlich daneben lag, ging Biesinger in die Offensive. In einer vertraulichen Schaltkonferenz der ARD-Chefredakteure kündigte Biesinger an, dass es personelle Konsequenzen geben werde. Business Insider berichtete damals exklusiv.
Doch es sollte nicht den Chefredakteur selbst treffen, sondern die Autorin, die für die Recherche verantwortlich war. Zu dem Zeitpunkt fand jedoch noch keine umfassende Aufarbeitung des Falles statt. Für Deloitte sind Biesingers Aussagen nicht akzeptabel.
„Diese Aussagen des Chefredakteurs vorverurteilen die betroffene Person selbst bei in Auszügen wahrheitsgemäßen Aussagen und beschädigen diese in der Öffentlichkeit unrechtmäßig,“ heißt es im Bericht unter Verweis auf die Berichterstattung von „Business Insider”. Dabei bestand „zu dem Zeitpunkt eine erhöhte Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Die Identität und die Rolle der Redakteurin hätten geheim gehalten werden sollen.
Biesinger hat nach der Gelbhaar-Affäre sein Amt als Chefredakteur niedergelegt. Er ist jetzt jedoch Leiter der Hauptabteilung Programmressourcen beim RBB. Nicht wenige im Sender fragen sich, wieso Intendantin Ulrike Demmer ihn trotz der massiven Fehler auf einen neuen Führungsjob setzen konnte.